Das „Spitzeln“ am 2. November

13. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Aktuell
Aus dem „Gedenkbuch der Gemeinde Beratzhausen“: begonnen: 1. Juli 1942, im Gemeindearchiv verwahrt, Abschnitt 14 Volksbildung und Heimatpflege:
Das „Spitzeln“
Am Allerseelentag (2. November) wird von den Kindern des Marktes „gespitzelt“. Dieser Brauch besteht darin, dass die Kinder nach der Schule in gewisse Häuser (Geschäfte, Gastwirtschaften und sonstige Begüterte) laufen und dort rufen: (Gelobt) „sei Christus um ein Spitzel“. Sie erhalten dann von den Betreffenden Allerseelenspitzel, Griffel, Kerzen, Geld usw. (Der Eintrag stammt vom damaligen Gemeindeangestellten Xaver Staudigl aus dem Jahre 1943).
Etwas ausführlicher erinnert sich die Archivpflegerin an ihre „Spitzlzeit“, in den Jahren 1951-1956:
„Sei Christus umara Spitzl!!!“
„Spitzln“ – ein alter Brauch in Beratzhausen
 
In Beratzhausen gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts einen Brauch, der wohl im Landkreis Regensburg einmalig sein dürfte: das „Spitzln“. Jedes Jahr am Allerseelentag, dem 2. November, laufen nach dem Frühgottesdienst die Kinder von Beratzhausen bis zum 12-Uhr-Läuten in größeren und kleineren Gruppen in die Geschäftshäuser und schreien lauthals: „Sei Christus umara Spitzl“, die Abkürzung von „Gelobt sei Jesus Christus, wir bitten um ein Spitzel“. Die Inhaber der Geschäfte, bereits wohl vorbereitet, verteilen dann meist Süßigkeiten oder andere kleine Dinge, vereinzelt auch Geld, an die Kinder. Einst wurde den Kindern am Spitzltag als Spitzl braunes Brot in Spitzelform, dann Lebkuchen in Spitzelform gegeben. Von den Gemischtwarenläden bekamen die Kinder kleine dünne Kerzen, wie man sie am Wachsstöckl findet, aber auch Hefte, Griffel und Bleistifte. Als sehr großzügige Person darf hier Frau Cölestine Fürbacher erwähnt werden. Sie hatte weder Geschäft noch Laden, aber alle Kinder wussten, dass man bei ihr großzügig Hefte und Griffel für die Schule bekam. War man „auf Draht“ und besuchte sie öfters, reichten sie für das ganze Schuljahr aus. Im Dritten Reich sollte dieses Brauchtum verboten werden, das ließ sich aber nicht durchsetzen. Und so lebt dieser alte Brauch und wie es scheint, werden es von Jahr zu Jahr mehr Kinder, denn sogar von den Nachbargemeinden kommen Kinder nach Beratzhausen zum „Spitzln“.
Und noch eine Besonderheit:
Das Patenkind ging drei Jahre lang nach der Firmung am 2. November zum Firmpaten und brachte ihm ein Spitzl, meist eine Torte in Spitzlform oder aus Lebkuchenteig. Im Gegenzug dazu erhielt das Patenkind vom Firmpaten ein Geschenk, z.B. ein Wachsstöckl.
Text: Inge Molle, Archivpfleg., Beratzhausen