Warum sich der Nahwärmeanschluss im Bauabschnitt 1 betriebswirtschaftlich rechnet
Liebe Bürgerinnen und Bürger,
in diesem Beitrag möchte ich Ihnen kurz darlegen, warum sich die Gemeinde bei ihren eigenen Liegenschaften für eine Abkehr von Gasheizungen und für einen Anschluss an das Nahwärmenetz entschieden hat.
Wärme und Heizen sind selbstverständlich eine sehr persönliche Entscheidung für jeden Hausbesitzer. Ich möchte Ihnen mit diesem Beitrag selbstverständlich nichts „reinreden“.
Dennoch sehe ich es als meine Pflicht an, Sie sachlich zu informieren, damit es in einigen Jahren keine Überraschungen gibt und Sie Ihre Entscheidung auf einer möglichst umfassenden Grundlage treffen können. Die Fragen der letzten Wochen haben gezeigt, dass hier noch Informationsbedarf besteht. Entscheiden dürfen Sie es selbstverständlich selbst. Aber hier sind unsere Argumente für die gemeindlichen Liegenschaften.
1. Unabhängigkeit von Weltmärkten
Ein wesentlicher Unterschied in unseren Überlegungen liegt in der Frage der Abhängigkeiten. Bei Gas und Heizöl ist der Endverbraucher unmittelbar externen Faktoren ausgesetzt: geopolitischen Entwicklungen, globalen Handelsströmen, Förderentscheidungen großer Exportländer, Währungsschwankungen und spekulativen Marktbewegungen.
Die Preisbildung erfolgt am internationalen Energiemarkt und kann innerhalb kurzer Zeit erheblich schwanken – ohne dass lokale Akteure darauf Einfluss haben.
Diese Erfahrungen mussten wir bereits in der Ukrainekrise spüren. Die jüngsten Ereignisse im Nahen Osten haben dies erneut gezeigt: Innerhalb eines Tages kam es zu deutlichen Preissprüngen von über 25% am Gasmarkt. Auch wenn man längere Lieferverträge hat, wird sich das immer auf spätere Preisbildungen auswirken. Auch Öl stieg im zweistelligen Prozentwert. Diese Abhängigkeit bleibt strukturell bestehen.
Ein Nahwärmenetz funktioniert anders. Hier ist die Preisentwicklung vertraglich geregelt und an eine feste, transparente Preisformel gebunden, die sich aus klar definierten Indizes zusammensetzt. Diese Formel steht bereits heute fest und kann nicht beliebig verändert werden. Damit entsteht keine unmittelbare Abhängigkeit von weltpolitischen Ereignissen oder Rohstoffbörsen, sondern eine kalkulierbare Entwicklung innerhalb eines bekannten Rahmens. Das schafft Planungssicherheit – sowohl für die angeschlossenen Haushalte als auch für die kommunale Infrastruktur.
2. CO₂-Preis
Noch deutlicher wurden für uns als Kommune die Vorteile im Hinblick auf den Co2 Preis. In der öffentlichen Diskussion wird der Gaspreis häufig auf den Börsenpreis reduziert. Sinkt dieser kurzfristig, entsteht schnell der Eindruck, das Problem sei gelöst. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht greift diese Betrachtung jedoch zu kurz. Entscheidend ist nicht allein der Rohstoffpreis, sondern die gesamte Kostenstruktur des Systems Gas. Und genau diese Struktur führt dazu, dass Heizen mit Gas in den kommenden Jahren – PLANBAR – auch dann deutlich teurer wird, wenn sich der Börsenpreis gar nicht verändert würde.
Ein wesentlicher Bestandteil ist der CO₂-Preis. Erdgas verursacht rund 0,2 Kilogramm CO₂ pro verbrauchter Kilowattstunde. Der nationale CO₂-Preis lag 2024 bei 45 Euro pro Tonne und stieg 2025 auf 55 Euro. Seit 2026 erfolgt der Übergang in ein Handelssystem, bei dem die Zertifikate schrittweise verknappt werden; ab 2027 wird der Preis europaweit am Markt gebildet.
Für die kommenden Jahre rechnen Fachleute deshalb mit Preisen von 80 bis 100 Euro im Jahr 2030. Perspektivisch – etwa im Jahr 2035 – sind Szenarien von 120 bis 180 Euro pro Tonne realistisch. Bei einem CO₂-Preis von 150 Euro entstehen allein dadurch rund 3 Cent zusätzliche Kosten pro Kilowattstunde Erdgas. Für ein Einfamilienhaus mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden bedeutet das etwa 600 Euro zusätzliche Belastung pro Jahr – ausschließlich durch den CO₂-Preis. Diese Entwicklung ist bereits jetzt Bundes- und Europapolitisch festgelegt und unabhängig von kurzfristigen Marktschwankungen.
3. Netzgebühren
Ein weiterer Punkt ist die Struktur des Gasnetzes, das bei uns durch das Bayernwerk betrieben wird. Gasleitungen verursachen hohe Fixkosten für Betrieb, Wartung, Sicherheit und Abschreibungen. Diese Kosten bleiben nahezu gleich – unabhängig davon, wie viel Gas tatsächlich durch das Netz fließt.
Gleichzeitig steigt die Zahl alternativer Heizsysteme wie Wärmepumpen oder Holzheizungen. Neubauten verzichten nahezu vollständig auf fossile Heizsysteme und auch im Bestand wird teilweise umgestellt. Mit jedem Wechsel sinkt die Auslastung des Gasnetzes.
Mathematisch bedeutet das: Gleiche Fixkosten verteilt auf weniger Nutzer führen zu höheren Netzentgelten pro Haushalt. Dieser Effekt verstärkt sich selbst und stellt das System mittelfristig vor wirtschaftliche Herausforderungen.
4. Wie funktioniert ein Nahwärmenetz
Das Nahwärmenetz funktioniert grundlegend anders. Es benötigt kein „globales“ Gasnetz und unterliegt nicht der gleichen CO₂-Systematik wie fossiles Erdgas. Die Preisbildung erfolgt über eine transparente Indexstruktur, die sich aus Wärme-, Strom-, Maschinen- und Lohnkosten zusammensetzt. Natürlich trägt auch ein Nahwärmenetz allgemeine Kostenentwicklungen und Inflation mit. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der deutlich stabileren und regional steuerbaren Kostenbasis. Es besteht keine direkte Abhängigkeit von internationalen Gasmärkten und bundesweiten Gasnetzentgelten.
Für die Bürgerinnen und Bürger im Bauabschnitt 1 bedeutet das: Die Anschlussbedingungen sind heute kalkulierbar und eine hohe Anschlussquote stärkt die Wirtschaftlichkeit des Netzes für alle Beteiligten. Je mehr Haushalte sich jetzt beteiligen, desto stabiler und robuster wird das System langfristig.
Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob Gas heute gerade günstig erscheint. Die entscheidende Frage ist, ob das System Gas in zehn oder fünfzehn Jahren noch wirtschaftlich tragfähig sein wird. Die Kombination aus steigendem CO₂-Preis, geopolitischen Unsicherheiten, sinkender Netzauslastung und strukturell steigenden Entgelten spricht dafür, sich frühzeitig mit Alternativen – einem Nahwärmeanschluss – zu befassen.
5. Wartung, Investitionssicherheit und Umweltschutz
Ein weiterer Aspekt betrifft die laufenden Wartungs- und Investitionskosten klassischer Heizungsanlagen. Eigene Gasheizungen verursachen regelmäßige Wartungskosten, Prüfpflichten, Reparaturen und mittelfristig auch vollständige Erneuerungsinvestitionen. Gerade bei kommunalen Liegenschaften bedeutet dies planbare, aber dennoch erhebliche Folgekosten über die gesamte Lebensdauer einer Anlage.
Mit dem Anschluss an das Nahwärmenetz entfallen für die Gemeinde künftig eigene Kesselanlagen, Brennertechnik, Schornsteinanlagen und deren Instandhaltung. Die technische Verantwortung für die Wärmeerzeugung liegt beim Betreiber. Dadurch reduzieren sich langfristig Wartungsaufwand, Störanfälligkeit und Investitionsrisiken.
Ein weiterer positiver Effekt ist die deutliche Reduzierung von CO₂-Emissionen. Der Klimaschutz war nicht der alleinige Beweggrund, stellt jedoch einen wichtigen und verantwortungsvollen Nebeneffekt dar – gerade im Hinblick auf zukünftige gesetzliche Rahmenbedingungen.
6. Warum ist die Gemeinde nun umgestiegen?
Der Anschluss an das Nahwärmenetz war und ist keine ideologische Entscheidung. Er ist das Ergebnis einer strategischen und betriebswirtschaftlichen Abwägung unter bekannten und realistischen Annahmen. Maßgeblich waren für uns die strukturelle Entwicklung der Energiepreise, die absehbar steigende CO₂-Bepreisung, die langfristigen Herausforderungen im Gasnetz sowie die Frage, wie wir Versorgungssicherheit möglichst regional und kalkulierbar organisieren können. Für Beratzhausen bedeutet der Umstieg eine Investition in eine dauerhaft tragfähige Infrastruktur mit nachvollziehbarer Kostenstruktur. Gleichzeitig stärken wir damit die regionale Wertschöpfung und reduzieren externe Abhängigkeiten.
7. Mein Hinweis
Wie bereits gesagt: Wir wollen Ihnen nichts vorschreiben. Mir ist wichtig, dass Sie informiert entscheiden können.
Wenn Sie im Bauabschnitt 1 wohnen, lassen Sie sich noch bis zum 24.03. beraten. Wenn Sie Mieter sind, sprechen Sie Ihren Vermieter an – Heizkosten betreffen letztlich Sie als Mieter.
Selbst wenn Sie noch skeptisch sind: Lassen Sie sich zumindest einen Grundstücksabzweig oder Hausanschluss ohne Vertragsbindung legen. Dieser ist bereits ab 300 Euro möglich. Ein späterer Aufbruch der Straße würde ein Vielfaches kosten.
Zusammenfassend ist dies ein gut gemeinter Hinweis. Entscheiden sollen Sie zu 100 Prozent selbst. Bei Fragen können Sie sich neben dem Betreiber gerne auch telefonisch an mich im Rathaus wenden.
Ihr
Matthias Beer
Erster Bürgermeister